5millionenschritte

Appalachian Trail 2013 – so weit die Füße tragen

Die ersten Felsen und eine spannende Unterkunft – Darlington Shelter nach Duncannon (mi 1142,5)

Ein Kommentar

Leider muss ich alle enttäuschen, die sich jetzt spannende Stories vom nächtlichen Besuch eines Stachelschweins erhofft hatten. Wir haben die Nacht im Shelter allein verbracht. Und endlich hab ich im Shelter auch mal wieder richtig gut geschlafen ohne dass sich am Morgen mein Rücken über den harten Boden beschwert hat.

Außerdem durften wir heute ausschlafen. Da wir eh nur zehn Meilen vor uns hatten und um halb sieben keinem von uns beiden nach Aufstehen war, hab ich bis halb acht geschlafen und Frank ist sogar erst um kurz vor acht aufgestanden. Zu unserer großen Verwunderung war außer den anderen beiden Deutschen, die schon aufgebrochen waren, noch niemand wach. Die Morgenluft war herrlich frisch so dass ich innerhalb kurzer Zeit gut gelaunt meine Sachen gepackt hatte und Wasserholen gehen konnte. Die Quelle war ziemlich weit unterhalb vom Shelter, nach dem Rückweg war ich gut aufgewärmt. Inzwischen waren auch die drei Jungs von gestern Abend wieder wach und frühstückten am Shelter.

Wir alle waren ganz gespannt auf den Weg nach Duncannon, weil er im Guide als extrem steinig beschrieben wurde. Bisher war Pennsylvania ja eher zahm gewesen. Nach dem Abstieg vom Shelter runter ging es zunächst wieder über Farmland und relativ flach durch den Wald. Dann kamen der heftige Anstieg und die Pipeline, nach denen die Steine anfangen sollten. Es war vor allem am Anfang wirklich nicht schlimm, da hatten wir schon weit schlimmere Strecken gehabt, wo es keine Warnung gegeben hatte. Erst gegen Ende der beschriebenen Strecke, im Abstieg nach Duncannon, war es dann wirklich ziemlich anstrengend, weil die Steine dort alle locker dalagen und gerne unter uns wegrutschten.

Ansonsten ging es heute ganz gut voran, die Hitze hielt sich in Grenzen und die Luftfeuchtigkeit war heute auch nicht so hoch wie sonst oft. Einzig und allein diese fiesen kleinen Fliegen, die am liebsten immer in knappem Abstand vor einem Auge rumschwirren waren heute wieder extrem nervig. Ich konnte kaum noch gucken, wo ich hintrete, weshalb ich froh war, dass ich mein Moskitonetz habe. Damit sehe ich zwar insgesamt etwas schlechter aber mir ist das immer noch lieber als alle paar Meter Fliegen aus meinen Augen zu fischen oder beim Verscheuchen einer Fliege wieder mal fast hinzufallen.

Heute hatten wir endlich mal etwas spannendere Tiere. Zum einen bin ich im Wald zweimal fast auf eine von diesen großen schwarzen Schlangen getreten. Zum anderen haben wir beim Reinkommen nach Duncannon einen großen Fluss überquert. Auf den Baumstämmen, die sich in den Brückenpfeilern verfangen hatten saßen elf Wasserschildkröten, darunter zwei richtig große, über vierzig Zentimeter lange. Wir sind eine Weile stehengeblieben, um sie zu beobachten. Die waren ganz schön aktiv, wie sie ins Wasser gesprungen (oder eher geplumpst) sind, wieder rausgekrabbelt, rumgeschwommen. Das war echt schön, ihnen zuzusehen.

In Duncannon angekommen, ging es gleich zum Doyle, einem berühmt-berüchtigten Hotel mit dazugehöriger Bar. Wir waren gewarnt, es ist etwas heruntergekommen. Ich war trotzdem leicht schockiert, als ich das obere Stockwerk erblickte – von außen konnte ich mir nur schwer vorstellen, dass da überhaupt jemand wohnt, geschweige denn, dass Leute Geld dafür bezahlen, um dort unterzukommen. Ich war mir noch nicht sicher, ob ich dort schlafen wollen würde oder nicht doch lieber zur nächsten Campsite weitergehen sollte. Sogar bei Frank schienen leichte Zweifel aufzukommen, auch wenn er gerne in dieser legendären Unterkunft nächtigen wollte. Vorm Eingang zur Bar wurden wir von lauter bekannten Gesichtern empfangen – die anderen Hiker waren auch alle hier untergekommen. Also checkten wir mal vorsichtig die Lage, wie schlimm es wirklich sei. Man einigte sich darauf, dass es heruntergekommen aber nicht soooo schlimm sei, vor allem für das Geld. Und das Essen in der Bar wäre wirklich gut.

Wir beschlossen, dem Doyle eine Chance zu geben. Die Besitzer sind wirklich liebe Leute und äußerst hikerfreundlich. Außerdem warnen sie einen vor, dass das Hotel nicht im besten Zustand ist und dass man ein gemeinsames Bad pro Etage hat, bevor man eincheckt. Auch davon ließen wir uns nicht abschrecken. Nach allem Schlechten, was wir gehört hatten, waren wir auf das schlimmste gefasst und dementsprechend positiv von unserem Zimmer überrascht. Ja, es war alles ein bisschen heruntergekommen, mit Scharten und Dellen. Aber es sah davon abgesehen recht sauber aus. Ok, das Bad war dann etwas gewöhnungsbedürftig. Nicht nur, dass oben die Verkleidung zur Hälfte runtergebröselt war und den Blick auf rostige Rohre und Wasserschäden aus der oberen Etage freigab und dass im Bodenbelag Löcher waren, die mit alten Teppichen überdeckt waren, es wuchs auch ein echter Waldpilz dort.

Das Essen unten in der Bar war richtig lecker, vor allem der Haussalat war der beste, den ich hier bisher bekommen habe. Um vier wurden wir von einem Shuttle, den der örtliche Supermarkt schickte, abgeholt. Nach dem Einkaufen ging es zum Wäschewaschen. Dabei fiel uns auf, dass das Hotel hier nicht das einzige Haus im Ort zu sein scheint, das schon bessere Tage gesehen hat. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen gefällt mir diese Stadt – sie hat so etwas malerisches und die Leute grüßen einen hier alle so nett. Leider waren wir nach dem Wäschewaschen zu spät fürs Abendessen im Doyle, also gingen wir in den Pub nebenan. Das Essen dort war auch echt lecker und die Bedienung war sehr fürsorglich, aber ich vermisste den Salat aus dem Doyle. Nach dem Abendessen haben wir uns noch kurz zu den anderen Hikern an die Bar gesetzt, dann ging es ab ins Zimmer, Sachen packen und Essen aufteilen. Morgen geht es wieder raus, mal sehen, ob es dann so felsig wird, wie die Leute alle sagen.

Ein Kommentar zu “Die ersten Felsen und eine spannende Unterkunft – Darlington Shelter nach Duncannon (mi 1142,5)

  1. Was mich so begeistert beim Lesen ist, wie dankbar man für Dinge sein kann, die grundsätzlich im Alltag nichts Besonderes sind, wie ein „gescheiter“ Salat und wie man es schafft, einem heruntergekommenen Motel, in das man normalerweise keinen kleine Zehe freiwillig hineinsetzen würde, immer noch etwas Positives abzugewinnen! Gute Weiterreise!

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