5millionenschritte

Appalachian Trail 2013 – so weit die Füße tragen

Aufregende Nacht, anstrengender Tag – 501 Shelter nach Highway 61, Hamburg (mi 1213,7)

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Wir sind heute nicht um sechs aufgestanden. Alle nicht. Unsere Nacht wurde nämlich noch ziemlich aufregend nach dem Schlafengehen und wir waren alle ganz schön kaputt.

Gegen viertel vor elf nachts wachte ich auf, mir war zunächst nicht klar, warum. Es war ein seltsames Keuchen und Poltern zu hören, aber ich konnte das alles nicht so ganz zuordnen. Dann machte irgendwer sein Licht an und jemand rief den Trailnamen eines Mitwanderers. Ich blickte also in die Richtung seines Bettes und sah, dass er anscheinend einen Krampfanfall hatte. Der Hiker im Bett über ihm hatte runtergegriffen und versuchte, ihn am Rausfallen zu hindern. Sofort kamen Little Wing und Handstand, die beide in einem der unteren Betten lagen, angestürzt und Handstand, eine Krankenschwester, übernahm die Situation. Sie sorgte dafür, dass der Kranke in einer sicheren Position lag solange er noch krampfte und kümmerte sich auch um alles weitere. Gott sei Dank war sie da, wir alle wären sonst wahrscheinlich nicht so ruhig geblieben. Als der Anfall vorüber und der Kranke wieder ansprechbar war, meinte er auf ihre Frage hin, er würde gerne in ein Krankenhaus gebracht werden. Das schockierende für Frank und mich war, dass sie daraufhin auch gleich erst mal nach seiner Versicherung fragte. Erst als er ihr versicherte, dass er alles habe, was er dafür brauchte, lief sie zum Haus des Hausmeisters vom 501 Shelter, um den Krankentransport zu organisieren. Dafür kamen dann aber auch gleich vier Krankenwagen gefahren – das verstehe, wer will! Einer von den Florida Flip-Floppern war so nett, den Kranken zu begleiten, so dass wir morgens erfuhren, dass er gut im Krankenhaus untergebracht war. Was für ein Glück, dass das alles im 501 Shelter passiert ist, das nahe an der Straße liegt und wo man auch Handynetz hat! Und Gott sei Dank war Handstand da, die wusste, was sie zu tun hatte!

Die ganze Aktion hatte keine Stunde gedauert, um halb eins war das Licht wieder aus. Aber wir waren alle gerädert und außer Frank konnte wohl niemand mehr so richtig gut danach schlafen. Deswegen verlegten wir einstimmig die Aufstehzeit auf sieben.

Den ganzen Vormittag über fühlte ich mich noch ganz schön mitgenommen von den Ereignissen der Nacht, ich war nicht so richtig in Wanderstimmung. Trotzdem kamen wir voran und blieben bei unserem Plan, nach Hamburg zu laufen.

Das Doofe war, dass die Wasserstellen wieder mal etwas ungünstig gelegen waren und wir fast eine Stunde damit verloren, Wasser zu holen. Bei der Hitze war das jedoch unvermeidbar, alles andere wäre unvernünftig gewesen. Kurz vor dem Shelter hatten wir noch drei Jungs getroffen, die übers Wochenende unterwegs waren und kurz nach dem Shelter zum Auto wollten. Wir waren noch guter Dinge und sicher, dass wir es ohne große Schwierigkeiten nach Hamburg schaffen würden.

Dann jedoch kam ein Abschnitt, in dem unser Profil nicht mehr wirklich mit dem übereinstimmte, was wir auf dem Weg sahen. Zumindest war das mein Gefühl, Frank meinte hinterher er hätte die ganze Zeit gewusst, wo wir waren, aber das war auch nicht besser. Auf jeden Fall ging es nur noch zäh vorwärts, die Füße taten fürchterlich weh, weil wir natürlich überwiegend auf Felsen und Steinen unterwegs waren und es war einfach schrecklich. Hätten nicht Yooper und Big Red mit seinem Neffen Luke im Hotel in Hamburg auf uns gewartet, hätten wir wohl nur zwei bis drei Meilen von der Stadt entfernt mitten im Nirgendwo unser Zelt aufgeschlagen und wären erst morgen das restliche Stück gelaufen. So aber quälten wir uns weiter in Richtung Port Clinton um von dort aus dann irgendwie nach Hamburg zu kommen.

Kurz vor dem Abstieg trafen wir die drei Jungs wieder. Wir waren etwas verwundert, da das Shelter schon einige Meilen hinter uns lag und sie uns dort noch erzählt hatten, dass sie gleich nach dem Shelter an der Straße zu ihrem Auto ankämen. Nun aber stellte sich heraus, dass sie ihr Auto genau dort geparkt hatten, wo wir vom Trail runter wollten. Sie wussten nicht, wo sie waren und wir halfen ihnen mit unserem Guide so gut wir konnten. Natürlich packten wir die Gelegenheit beim Schopfe und fragten den einen von ihnen, ob sie uns beim Hotel absetzen könnten. „Ich denke nicht, das Auto unseres Freundes ist ein bisschen klein.“ Also legten wir noch einem Zahn zu, um wenigstens noch im Hellen unten beim Parkplatz zu trampen.

Als wir unten am Ortseingang ankamen, mussten wir über Teer gehen. Meine Füße taten höllisch weh, mir war einfach nur zum heulen. Dummerweise sah Frank mir das an und als er nachfragte brach es einfach aus mir raus. Eigentlich war alles gut jetzt da wir unten waren, aber es tat auch ganz gut, eine Runde zu weinen, das war wohl der Stress. Mein armer Runner Up tröstete so gut er konnte und ich kriegte mich schnell wieder ein.

Dann kam auch schon der erste unserer Wochenendhiker und als cooler Thru-Hiker wollte ich mir natürlich nicht die Blöße geben wegen der paar felsigen Meilen in Tränen auszubrechen. Wir waren wieder hilfreich mit unseren Karten zur Hand um ihm zu helfen, den Parkplatz zu finden. Als seine Mitwanderer ankamen und kein durstig und erschöpft halb auf dem Weg zusammenbrachen, gab Frank ihnen einen Liter von unserem Wasser. Dann wagten wir einen zweiten Versuch einen von ihnen zu fragen, ob sie uns mitnehmen könnten. Inzwischen wurde es schon ziemlich dunkell und das Trampen würde schwierig werden. Wieder hieß es „Nein, das Auto ist zu klein.“ Ziemlich frustriert brachen wir auf in Richtung Straße.

Der Parkplatz war auf der falschen Seite des Highway und es war inzwischen Nacht. Trampen war nicht mehr möglich und ich schloss die Option nachts an diesem Highway entlang zu laufen aus. Das Hotel konnte uns auch nicht shuttlen und so langsam war unsere Lage dann doch eher miserabel. Ich schlug schon vor, doch in Port Clinton zu bleiben und zu versuchen bei Apollo unterzukommen, als die drei Jungs auf dem Weg zu ihrem Auto vorbeikamen. In unserer Verzweiflung fragte Frank nochmal, ob sie uns nicht doch mitnehmen könnten. Diesmal bekam das erste Mal der Fahrer die Frage mit (der das Wasser bekommen hatte) und während die anderen beiden wieder anfingen abzuwehren, sagte er sofort, dass er uns irgendwie unterbringen würde. Das war der mit Abstand größte Felsen des Tages, der mir in diesem Moment vom Herzen fiel!

Dank Anthony kamen wir doch noch recht fix zum Hotel. Yooper und Big Red hatten sich schon Sorgen gemacht als es dunkel wurde und wir immer noch nicht da waren, aber jetzt war alles gut und die Wiedersehensfreude war groß. Da Luke zum Wandern gekommen ist, werden wir uns morgen schon wieder trennen. Frank und ich werden die anderen drei dann aber hoffentlich schnell wieder einholen. Den Zero morgen brauchen wir unbedingt, wir sind beide ganz schön kaputt.

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