5millionenschritte

Appalachian Trail 2013 – so weit die Füße tragen

Ein großartiger Tag auf dem Trail – Upper Goose Pond Cabin nach Dalton (mi 1565,8)

Ein Kommentar

Heute hatten wir endlich mal wieder einen großartigen Tag auf dem Trail. Nach einer guten Nacht in unseren weichen Betten in der Cabin gab es zum Frühstück Pancakes, die der Caretaker extra für uns gebacken hat, dazu echt guten Kaffee. So sollte jeder Tag hier anfangen!

Yooper und Big Red waren vor uns fertig, ich wollte nochmal ein Foto vom See machen, also brachen die beiden gut vierzig Minuten vor uns auf. Unsere Trödelei wurde belohnt, der Caretaker hatte heute seinen letzten Tag in der Cabin und buk aus den Resten in seinem Kühlschrank eine Art Omelette mit Käse und Gemüse drin. Allen, die noch da waren, bot er ein Stück davon an.

Mit dem zweiten Frühstück im Bauch ging es los. Heute wollten wir endlich mal wieder mehr Meilen hinter uns bringen. Die Bedingungen waren ideal: es war nicht mehr so heiß und der Weg sollte über weite Strecken ziemlich flach sein.

Wir kamen flott voran, flotter als die letzten Tage. Gegen die Mückenplage habe ich heute etwas neues ausprobiert: ein Armband, das angeblich Insekten vertreibt. Ich hatte es gestern von einer Section-Hikerin bekommen, die gerade fertig war mit ihrem Abschnitt und das Band nicht mehr brauchte. Dieses Armband riecht wie diese Kerzen, aber ziemlich stark, ich war sehr gespannt, ob es tatsächlich helfen würde. Solange ich nur stand half es am Anfang wirklich. Während Franks Kopf in einer Mückenwolke war, wurde ich überhaupt nicht belästigt. Beim Gehen jedoch half es leider gar nichts mehr, wahrscheinlich weil der Wind falsch stand. Eine Mücke piekste mich nur fünf Zentimeter von dem Bändchen entfernt in den Arm – also musste doch wieder Deet her. Später half das Band auch im sitzen nicht mehr, ich wurde genauso umschwirrt wie Frank. Da er aber das erste Mal seit langer Zeit auf dem Trail mehrfach begeistert feststellte, dass ich einen guten Geruch verströmte, beschloss ich, das Bändchen zu behalten bis es nicht mehr riecht.

In einer der Pausen entdeckten wir, dass bei Franks Rucksack jetzt auch der linke Schultergurt unten von der Tasche am Hüftgürtel schon zu einen Drittel durchgewetzt war. Als ich daraufhin meine Schultergurte checkte, musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass mein linker schon gut zur Hälfte durch war. Mir wurde kurz etwas heiß, da ich das bisher noch nicht gesehen hatte. Dann beschlossen wir, Yooper und Big Red morgen zum Outfitter zu begleiten und bei der Gelegenheit nach neuen Rucksäcken zu gucken – angeblich soll das der letzte gute Outfitter für Wanderer sein bevor wir in die Whites kommen. Und ich hab keine Lust, dass mein Gurt genau in den Whites dann den Geist aufgibt, womöglich noch wenn ich gerade am klettern bin.

Ansonsten kamen wir weiterhin gut voran. Es tat gut, endlich mal wieder etwas mehr Meilen mit einem vernünftigen Tempo zu machen. Wir fühlten uns wieder wie richtige Thru-Hiker und nicht so schwach und ausgelaugt. Sogar der Hunger war wieder da! Natürlich taten die Füße irgendwann weh und wir kamen auch nicht ganz ohne schwitzen aus aber wir waren nicht so schlapp und platt wie die letzten Tage. Es gelang uns sogar, Yooper und Big Red einzuholen, die vierzig Minuten vor uns aufgebrochen waren.

Wir wollten bei Tom Levardi übernachten. In unserem Guide stand nur, dass er wenige Zeltplätze in seinem Garten hätte, aber wir hatten von den Southboundern tolle Geschichten erzählt bekommen, dass er manchmal Leute in seinem Haus duschen und sogar übernachten ließe und es ab und an dort sogar Abendessen oder Frühstück gäbe. Sie alle hatten gemeint, wir sollten unbedingt dort übernachten. Wir waren gespannt, ob wir noch einen Platz bekommen würden und was für ein Mensch dieser Tom Levardi sei.

Als wir auf das Haus, das direkt am Trail lag, zukamen, winkte uns von der Veranda fröhlich Smileyvirgin entgegen. Eigentlich wollte er ja heute noch weiter wandern, aber Tom hatte ihm ein Eis angeboten als er des Weges kam und es gefiel ihm so gut dort, dass er beschlossen hatte, über Nacht zu bleiben. Zu unserem Glück war noch genug Platz für unsere Zelte und F.I.G.s Mutter wollte für Toms Gäste Abendessen kochen – großartig! Wir durften die Dusche im Haus nutzen und Tom machte für alle, die da waren, Wäsche. In der Dusche waren Shampoo und Duschgel, wir bekamen frische Handtücher von ihm – Tom weiß, was Wanderer brauchen.

Er ist ein unglaublich liebenswerter Mensch, der aus purer Nächstenliebe jedes Jahr Unmengen von Wanderern in seinem Haus und Garten beherbergt, sie durch die Gegend fährt, ihre Wäsche wäscht und sie bemuttert. Solange noch Platz ist, dürfen alle im Haus schlafen, überall liegen Matratzen herum. Letztes Jahr hatte er 600 Thru-Hiker bei sich!! Und wir sind nicht unbedingt das sauberste Völkchen und nicht alle wissen sich zu benehmen. Trotzdem ist bei ihm alles sehr sauber im Haus und im Garten. Damit das auch so bleibt, hat er ein paar einfache und vernünftige Regeln aufgestellt, die er einem auch bei jeder Gelegenheit in Erinnerung ruft: keinerlei Schuhe oder schmutzige Füße im Haus, den Schlauch fürs Trinkwasser nicht zu nah an der Hauswand und nicht im Übermaß ohne Flasche zum Wasser auffangen benutzen, keinen Müll im Garten herumliegen lassen und nicht zuviel Lärm machen, um die Nachbarn nicht zu belästigen. Tom ist ein großartiger Mensch, nicht nur weil er seit so vielen Jahren Hiker mit soviel Herzlichkeit bei sich aufnimmt, sondern auch, weil er die ganze Rasselbande dabei so gut diszipliniert, dass er sie auch weiterhin gerne zu sich einladen kann.

Zum Abendessen gab es Spaghetti Bolognese, Salat, Brot und Rotwein, alles gesponsert von F.I.G.s Mutter, die auch bei Tom übernachten durfte. Ich glaube, auch sie war richtig glücklich, dass sie so eine einmalige Gelegenheit hatte, die verrückte Welt, in der ihre Tochter sich gerade rumtreibt, aus nächster Nähe bequem kennenzulernen.

Jetzt liegen wir in Toms Garten in unserem Zelt und sind richtig glücklich – ein guter Tag auf dem Trail hatte ein noch besseres Ende. Und morgen früh fährt Tom uns sogar zum Outfitter.

Ein Kommentar zu “Ein großartiger Tag auf dem Trail – Upper Goose Pond Cabin nach Dalton (mi 1565,8)

  1. Diese Bändchen habe ich kürzlich bei Weltbild entdeckt und gedacht, dass wäre eine Errungenschaft, wenn das nutzen würde und habe gleich an euch gedacht! Schade, dass es wohl doch eher Deko ist!

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