5millionenschritte

Appalachian Trail 2013 – so weit die Füße tragen

Was macht die Wurst im Rucksack?! – Kent Pond nach Winturri Shelter (mi 1717,5)

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Genauso widerspenstig wie ich mich heute morgen gegen kurz vor halb acht aus dem Bett schälte fühlte ich mich als es darum ging, unser Paradies zu verlassen und weiterzuwandern. Wahrscheinlich ist es gut, dass die Mountain Meadows Lodge übers Wochenende für eine Hochzeit gebucht ist und deshalb keine Zimmer mehr frei sind, sonst hätten wir es wohl kaum geschafft, uns zum losgehen zu motivieren.

Der Regen hatte schon nachts aufgehört und es war wieder perfektes Wanderwetter, nicht zu warm und nicht zu kalt, dafür trocken. Erst ging es relativ flach bis zu einem Wasserfall und dem dazugehörigen Parkplatz. Dann jedoch kam einer der härtesten Anstiege seit Wochen. Zumindest was die Steigung über eine längere Strecke angeht, es waren zwanzig Prozent über zwei Kilometer. Das hört sich gar nicht so schlimm an, geht aber auf die Dauer an die Substanz. Ich muss allerdings sagen, dass ich ganz froh darüber war, wie die Strecke dann tatsächlich aussah, weil sie im Profil ziemlich viel Ähnlichkeit mit einigen Bergen in den Whites hatte. Wenn der Trail dort so aussieht, komm ich klar.

Wir waren erst ziemlich spät aufgebrochen, kamen aber gut voran. Bis plötzlich über uns etwas großes im Baum raschelte. Wir dachten beide, es sei ein Turkey. Während ich rasch weiterging, um nicht im Zweifelsfall herausfinden zu müssen, dass auch Truthähne im Flug etwas fallen lassen, blieb Frank stehen, um zu gucken. Schwerer Fehler! Es war kein Turkey, sondern ein franklanger, armdicker Ast, der mit vollem Karacho etwas mehr als einen Meter neben Frank gen Boden sauste. Hätte er ihn getroffen, hätten sich unsere Prioritäten für die nächste Zeit wohl deutlich verlagert. Mit diesmal vor Aufregung bis zum Hals schlagenden Herzen ging es weiter. Unsere Mittagspause versuchten wir wie immer nach etwas mehr als der Hälfte der Strecke zu machen. Obwohl wir erst um kurz vor zehn losgezogen waren, konnten wir um halb drei zu Mittag essen – wir waren schon später dran gewesen.

Danach waren auch nur noch kleinere und moderatere Berge, so dass wir schneller waren als erhofft. Wir hatten heute das erste mal unsere neuen Stiefel an. Naja, fast neu, wir hatten sie damals in Italien an und als unsere hier jetzt den Geist aufgegeben haben, hat Johanna uns vor weiteren Unsummen für Ausrüstung gerettet, indem sie uns diese bereits getragenen zugeschickt hat. Das hatten wir uns ganz schlau ausgedacht: perfekt passende, bereits eingetragene und erprobte Stiefel für die wir nur die Transportkosten zahlen müssten. Dummerweise scheinen unsere Füße gewachsen zu sein. Auf jeden Fall fühlten sich meine Zehen im ersten Moment wie im Schraubstock. Danach ging es, nur bergab war etwas heikel. Wir gucken jetzt die nächsten Tage, ob sich die Schuhe vielleicht ein bisschen dehnen, weil ansonsten haben die echt geholfen. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit Schmerzen meine Fußunterseiten nicht so sehr – wahrscheinlich war die Sohle von den alten schlimmer durch als sichtbar.

Etwa zwei Meilen vor dem Shelter war eine Cabin, die in Privatbesitz ist, allerdings von Hikern genutzt werden darf. Wir hatten sie uns als Backup offen gehalten, falls wir es nicht zum Shelter schaffen sollten. Wir lagen ganz gut in der Zeit, deshalb beschlossen wir, nur den Ausblick von der Cabin zu genießen und dann weiter zu ziehen. Oben von der Aussichtsplattform dort konnten wir eine dicke Regenwolke vor uns sehen, es schien dort auch zu regnen und ein Regenbogen hatte sich gebildet. Das ganze in Kombination mit den Bergen, auf die wir hinabblickten, war wunderschön. Allerdings ließ es in uns kurzzeitig Zweifel aufkommen, ob wir weiter zum Shelter gehen oder nicht doch lieber hierbleiben sollten. Da die Wolke aber eindeutig von uns wegzog, rissen wir uns zusammen und zogen weiter.

Kurz nach der Cabin sah ich sowas wie riesige Kaninchenköttel auf dem Trail liegen. Ich vermutete, dass das von einem Elch sei. Um sicherzugehen warteten wir auf Yooper und Big Red, die meinen Verdacht bestätigten. Big Red fand, der Haufen sähe sehr frisch aus während ich der Meinung war, dass er schon etwas älter sein müsse. Wir beide zückten unsere Stöcke, um unsere Theorien durch anpieksen der Kügelchen zu überprüfen, als uns ein scharfes „Kinners, reißt euch zusammen!“ von Frank zurückhielt. Das Rätsel des Elchhaufens bleibt also ungelöst, die Hufabdrücke wenig weiter gaben auch keine hilfreichen Aufschlüsse. Ich hoffe aber, dass wir noch einen Elch sehen werden demnächst – auch wenn alle viel mehr Respekt vor Elchen als vor Schwarzbären haben.

Heute Abend haben wir Yoopers Kochmethode probiert. Sie übergießt ihr gefriergetrocknetes Essen mit heißem Wasser und lässt es dann in einer aus einer Rettungsdecke gebastelten Tasche ziehen bis es fertig ist. Frank war nicht überzeugt, anscheinend hatte ich etwas zu wenig Wasser benutzt und der Reis war noch ziemlich knusprig. Ich fand es gar nicht so schlimm, für mich wurde es erst grausig, als er in einem Rettungsversuch dann die Suppe von seinem Ramen drüber gekippt hat. Aber wir haben trotzdem alles brav aufgegessen.

Kurz bevor Frank meinen Essenssack aufhängen wollte, fiel mir ein, dass meine Wurst noch im Hauptfach des Rucksacks war – gerade noch rechtzeitig holte ich sie raus. Frank ist anscheinend nicht von meinem Packsystem überzeugt, von ihm kam nur ein entsetztes „was macht die Wurst im Rucksack?!“.

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