5millionenschritte

Appalachian Trail 2013 – so weit die Füße tragen

Ein ganz neues Lebensgefühl – Glencliff nach Kinsman Notch (mi 1796,5)

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Nach zwei Tagen Nichtstun fiel es uns heute früh allen schwer, diszipliniert um sechs aufzustehen als der Wecker klingelte. Nur mein Runner Up war vorbildlich und dazu auch noch sehr geduldig mit uns drei Langschläfern und ließ uns bis halb sieben schlafen. Um viertel nach acht waren wir dann alle soweit abmarschbereit und verließen unser Zuhause der letzten drei Tage.

Als erste Herausforderung war heute unsere erste Flussdurchquerung angesagt. Das Wasser war gar nicht soooo tief, nur bis zum Knie an der tiefsten Stelle, aber die Strömung war trotzdem ganz schön stark – wäre das Wasser tiefer gewesen, wäre das viel schwieriger gewesen. Wir alle schafften es ohne zu stürzen durch das Wasser und fühlten uns schön erfrischt.

Der darauf folgende Aufstieg zu Moosilauke war zwar steil aber nicht wirklich schlimmer als andere Anstiege, die wir schon gemacht hatten. Das besondere daran war, dass es endlich wieder hoch hinaus ging, bis auf 4800 Fuß. Damit ging es für uns das erste Mal über die Baumgrenze. Ohne Bäume wehte dort oben auf dem Gipfel ein eisiger Wind, so dass wir alle unsere Regenjacken als Windschutz anzogen. Frank und ich hatten darunter noch unsere Fleecejacken an – das hatten wir schon lange nicht mehr gebraucht! Dafür wurden wir mit einem großartigen Panoramablick auf die umliegenden Berge belohnt. Wir konnten sehen, woher wir gekommen sind und wohin wir gehen werden. Dabei stellten wir uns die ganze Zeit vor, wie es den anderen gestern wohl ergangen war.

Nach einer erholsamen Mittagspause auf dem Gipfel im Windschatten von Felsen ging es weiter. Wie angekündigt war der erste Teil des Abstiegs noch nicht so steil. Es waren Unmengen von Tageswanderern unterwegs. Als wir eine Weile keine Wegmarkierung mehr gesehen hatten, sprach Big Red zwei entgegenkommende Frauen an, ob sie das Shelter gesehen hätten. Diese verneinten und gaben dazu noch an, dass wir auf einem ganz anderen Trail als vermutet unterwegs seien (in den White Mountains folgt der AT andere Trails). Wir fanden zwar schnell heraus, dass die beiden eigentlich gar keine Ahnung hatten, wo sie waren, aber die Unsicherheit blieb. Dementsprechend fragten wir alle, denen wir begegneten nach dem Shelter und dem Namen des Trails, aber die meisten hatten kein Shelter gesehen und wir blieben unsicher. Wir beschlossen noch zehn Minuten weiterzugehen als wir plötzlich unerwartete Hilfe von einem Mann im Unterholz bekamen, der unsere Konversation im Vorbeigehen hörte und uns bestätigte, dass wir auf dem AT seien.

Gleich danach waren wir auch schon am Shelter. Kurz davor wurde es so richtig steil und das sollte es auch über 1,5 Meilen bleiben. Die meiste Zeit verlief unser Weg direkt neben einem Wasserfall und meist hatten wir auch eine ähnliche Steigung. Es war immer noch recht glitschig und wir waren sehr froh, dass wir das gestern nicht machen mussten als es so stark regnete. Wir kamen so schon langsam genug voran, mit weniger als einer Meile pro Stunde. Allerdings machte das echt Spaß und wir waren froh, dass wir die Zeit hatten, die Sache langsam anzugehen. Und wir hatten das Gefühl, dass wir regelrecht dahinflogen, als uns eine Sectionhikerin entgegen kam, die wirklich sehr große Schwierigkeiten zu haben schien und extrem langsam unterwegs war. Wir alle fragten uns, warum sie das auf sich nahm, aber wahrscheinlich war das ihr letztes Stück, das ihr noch fehlte. Dieser erste Berg der White Mountains war wirklich der härteste, den wir bisher bezwungen haben. Eine ganz neue Art von Herausforder

Kurz bevor wir bei der Straße unten ankamen, stand dort wieder mal eine Kühlbox und diesmal waren sogar noch Softdrinks für uns alle drin! Wir nahmen uns jeder ein Dr. Pepper und dann ging es an die Straße um dort eine Mitfahrgelegenheit für uns vier zu finden. Schon das dritte Auto hielt an, ein uralter, kleiner Kastenwagen mit zwei Mädels, einem Hund und einer Menge Krempel darin. Die beiden touren für ein paar Monate mit ihrem Auto durch die USA und haben alles, was sie zum Leben brauchen, hinten drin. Als wir uns dazu quetschten, senkte sich die Ladefläche mit jedem einzelnen von uns merkbar und hing dann deutlich durch. Trotzdem bestanden die beiden darauf und mitzunehmen und los ging die Fahrt. Ich fing an, an unserem Glück zu zweifeln, als die Straße abwärts führte und wir immer schneller und schneller wurden. Mein Kopf bummerte bei jedem noch so kleinen Hubbel gegen das Dach und ich hoffte inständig, dass die Ladeklappe vom Hintereingang sich nicht von selbst öffnete und Yooper unfreiwillig nach draußen beförderte.

Irgendwie ging dann doch alles gut und wir alle kamen wider Erwarten heil in Lincoln an. Dort mussten wir dann feststellen, dass die Karte irgendwie fehlerhaft war und irrten eine Weile herum, bis Frank den richtigen Weg zu Chats Haus erfragen konnte. Chat ist ein total netter Kerl, der AT-Hiker bei sich in der Garage in Bunkbetten schlafen und im Garten zelten lässt – alles auf Spendenbasis. Außerdem hat er sogar ein Bad und Waschmaschine und Trockner, die die Hiker benutzen dürfen. Er überprüft bei der Ankunft anhand von Fragen, ob es sich tatsächlich um Thru-Hiker handelt.

Nachdem wir alle Fragen mehr oder weniger richtig beantwortet und unser Zelt aufgestellt hatten, machten wir uns zum Essen und Vorräte besorgen auf. Wir aßen eine Platte mit verschiedenen Fleischspezialitäten. Das interessanteste für mich war geräuchertes Hühnchen, es erinnerte mich durch den Rauchgeschmack eher an Fisch als an Hühnchen. Jetzt liegen wir das erste Mal in der Stadt im Zelt – ein ganz neues Lebensgefühl.

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