5millionenschritte

Appalachian Trail 2013 – so weit die Füße tragen

Lakes of the Clouds Hut nach Madison Spring Hut – 11,2km

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Es war eine etwas unruhige Nacht. Der Speisesaal lag, wie bei allen Hütten, die wir bisher gesehen haben, zwischen den Bunkrooms und den Toiletten. Da letzte Nacht dort inklusive Crew und Thru-Hikern 125 Menschen geschlafen haben, war entsprechender Durchgangsverkehr. Trotzdem war ich relativ munter, als wir alle um kurz nach sechs aufstehen und die Bänke und Tische wieder ordentlich hinstellen mussten.

Während die zahlenden Gäste ihr Frühstück bekamen, packten wir unsere Rucksäcke. Den Abschluss bildet morgens immer die Aufführung der Crew zu den drei wichtigsten Themen: 1. Wie falte ich meine Decke richtig. 2. Nimm allen Müll, den du hergebracht hast, wieder mit. 3. Gib der Crew ein Trinkgeld. In jeder Hütte wird das anders verpackt. Hier war es angelehnt an den Herrn der Ringe und wirklich gut gemacht. Die Reste vom Frühstück, die wir dann um viertel nach acht bekamen, waren wesentlich weniger üppig als gestern Abend. Für den ersten Hunger hat’s gereicht und oben auf Mount Washington würde es ja auch noch was geben.

1,3 Meilen waren es bis dort. Nicht wirklich weit aber die Welt um uns herum und unter uns sah so großartig aus, dass wir immer wieder Fotopausen machen mussten. So hat es fast anderthalb Stunden gedauert bis wir auf dem zweithöchsten Gipfel unserer Wanderung standen. Berühmt ist Mount Washington für die starken Winde und das extrem schnell wechselnde Wetter. Heute war es aber fast windstill. Erst als wir nach einer einstündigen Pause in der Cafeteria mit dem Abstieg begannen, zogen die ersten Wolken auf. Sie wechselten sich die nächsten Stunden immer wieder mit Sonnenschein ab. Vielleicht hätten wir bedenken sollen, das wir heute nicht einen Meter im Schatten gelaufen sind! Wir sind es mittlerweile so sehr gewohnt, unter Bäumen zu laufen, dass wir überhaupt nicht an einen möglichen Sonnenbrand gedacht haben. Erst am Abend haben wir festgestellt, dass unsere Gesichter ganz schön rot geworden sind.

Für die 5,7 Meilen bis zur Madison Springs Hut haben wir geschlagene viereinhalb Stunden gebraucht. Das lag nicht mal wirklich am Profil, sondern einzig und allein an der Beschaffenheit des Trails. Soweit man heute von Trail reden konnte. Eigentlich war es ein einziges Geröllfeld in dem man sich seinen Weg suchen musste. Wir sind irgendwann nur noch von Steinhaufen zu Steinhaufen gelaufen. Da es ja keine Bäume gibt, markieren diese aufgeschichteten Pyramiden den Weg. Dieses Gehüpfe über Felsblöcke hat uns beide ganz schön geschlaucht! Vielleicht steckte uns der gestrige Tag auch mehr in den Knochen als gedacht.

Kurz bevor die Hut in Sicht kam, habe ich Veronika vorgeschlagen, den Tag heute abzukürzen, dort zu bleiben und morgen zeitiger zu starten. Natürlich unter der Bedingung, dass sie überhaupt Platz für uns hätten! Der Vorschlag wurde ohne Gegenstimmen sofort angenommen. Als wir um vier ankamen, saßen dort Handstand und Apollo, die auch beide richtig müde aussahen. Work for Stay ist nicht, teilten sie uns mit. Es sei noch zu zeitig und wer von der Lakes Hütte komme, müsste sowieso weitergehen. Wir wollten aber eh lieber zahlende Gäste sein. Dann könnten wir zeitig schlafen und auch direkt nach dem Frühstück morgen aufbrechen.

Yooper und Big Red hatten schon vor zwei Tagen von der Zealand Falls Hut aus anfragen lassen, ob es hier noch freie Bunks für heute gäbe. Damals hieß es nein. Heute hatten sie fünf Absagen und nahmen freudig die Kreditkarte entgegen! Die Hüttenchefin hat mir auch noch ihr Telefon geliehen um die Reservierungshotline wegen morgen anzurufen. Die nächste Hütte ist 14 Meilen von hier und wir wollten sichergehen, dort unterzukommen. Ein Bett war noch frei. Jetzt haben wir eine 150$ Motivation es dorthin zu schaffen! Morgen im Laufe des Tages werde ich nochmal anrufen und hoffen, dass es weitere Absagen gibt.

Bevor Apollo aufgebrochen ist, hat er mir noch eine Wanderstockspitze gegeben. Meine rechte hat heute den Geist aufgegeben und er hatte noch eine dabei. Großartig! Zumindest eine Sorge mit den Stöcken bin ich los. Bleibt noch der kaputte linke. Bisher steckt das untere Segment aber noch fest genug, auch wenn ich ihn nicht mehr zusammenschieben kann.

Nachdem wir unsere Rucksäcke auf zwei Betten gelegt hatten, setzten wir uns in den Speisesaal zum entspannen und genossen die Aussicht durch die großen Fenster. Die Madison Spring Hut ist die älteste aller Hütten und schon mehrfach abgebrannt und neu aufgebaut worden. Zur Zeit ist sie nicht nur die älteste sondern nach dem Neuaufbau 2011 auch gleichzeitig die neueste aller Hütten in den Whites. Irgendwann habe ich oben auf dem Grat zwei Wanderer gesehen, die in unsere Richtung abstiegen. Je näher sie kamen, um so bekannter kam mir der Gang vor. Auf halbem Weg den Berg hinunter konnte ich Yoopers völlig schief hängenden Rucksack erkennen. Sie hatten es wirklich von Mizpah bis hierher an einem Tag geschafft. Respekt! Den hatte dann auch die Hutmasterin und bot ihnen einen Work for Stay an. Wie wir wollen sie aber auch lieber zeitig schlafen und so sind wir heute alle teuer zahlende Gäste.

Wir hatten dann sogar unseren eigenen Tisch zum Abendbrot. So vollgefressen war ich schon lange nicht mehr! Nach dem Essen stellt sich immer die Crew vor und man kann Fragen stellen. Ich wollte wissen, ob das „Madson Av“ Schild, das ich in der Lakes Hut gesehen habe eigentlich hierher gehört. Anscheinend ja und sie waren auch ein wenig angefressen, dass es ihnen geklaut wurde. Es ist scheinbar Tradition, dass sich die Hüttenbesatzungen gegenseitig beklauen. Es gibt sogar Regeln, wie solche Überfälle abzulaufen haben. Außerdem erklärt es, warum Barbarosa letzte Nacht auf dem Schild schlafen musste und Handstand einen Ritterhelm neben sich stehen hatte. Sie mussten die Sachen bewachen!

Noch 524km

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