5millionenschritte

Appalachian Trail 2013 – so weit die Füße tragen

Run in die Stadt – Carter Notch Hut nach Highway US2, Gorham (mi 1887,6)

Hinterlasse einen Kommentar

Heute wurden wir von Geigenspiel geweckt. Diesmal war ich nicht vor dem Weckruf hier wach, gestern hatte mich ganz schön geschlaucht. Das Frühstück war wie das Abendessen gestern sehr lecker – ich werde dieses Oatmeal vermissen! Die ganzen Hiker, die letzte Nacht kurz vor der Hütte verbracht hatten, waren schon da bevor wir startbereit waren.

Es war schön, sie alle versammelt zu haben. Unter den anderen Wanderern fühle ich mich durchaus willkommen, aber irgendwie auch ein bisschen wie ein Zirkustier. Alle starren einen mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Neid, Unverständnis und Mitleid an. Manchmal ist sicher auch Abscheu dabei. Ehrfurcht dafür, dass wir so weit und unter schwierigen Bedingungen gelaufen sind. Neid dafür, dass wir uns das leisten können, einfach ein halbes Jahr freizunehmen, um durch die Wildnis zu hüpfen. Unverständnis dafür, warum wir uns das antun. Mitleid dafür, dass wir so erschöpft und – im Vergleich zu ihrer meist strahlend neuen Ausrüstung – zerrupft aussehen. Und Abscheu, weil wir in der Regel nicht gestern das letzte Mal geduscht haben, kein Deo mit uns rumschleppen und dementsprechend riechen. Außerdem herrscht inzwischen unter uns nach Norden wandernden Thru-Hikern ein gewisses Verständnis vor, das man im normalen Leben gegenüber Fremden nicht hat. Wir alle wissen, was wir die letzten Monate erlebt haben. Für uns ist das nicht mehr wie bei Bill Bryson wild und abenteuerlich, sondern hart und anstrengend. Klar, wenn man hinterher darüber nachdenkt und das Erlebte erzählt, dann hört sich das an wie eine spannende Geschichte, wenn man es gut macht. Aber aktuell ist es Alltag und ja, wir haben viel Spaß, aber nicht alles, was sich spaßig anhört, ist Spaß, wenn man drin steckt. Die meiste Zeit arbeiten wir daran, vorwärts zu kommen. Und alle, die hier draußen sind, tun das auf ihre Weise. Und das verbindet uns.

Dann ging es los. Der Anstieg hoch zu Carter war gar nicht so schlimm und wir hatten wieder mal einen wunderschönen Ausblick. Dafür war der Abstieg umso fieser – fast so schlimm wie die Wildcats hoch! Und zu allem Überfluss hörten wir plötzlich hinter uns wilde Schreie! Wir blieben verwirrt stehen, es hörte sich an, als hätte sich jemand verletzt. Die Schreie hörten auf und zwei sehr schnelle Thru-Hiker kamen aus der Richtung den Berg herabgesaust. Sie hatten auch diese Schreie gehört, wussten aber auch nicht mehr zu berichten. Der einzelne Wanderer, der uns kurz davor begegnet war, war wohlauf, er war ihnen danach entgegen gekommen. Die Schreie mussten also von weiter oben gekommen sein und wir beschlossen, da wir nichts mehr hörten und im Zweifelsfall der andere Mann eh in dieser Richtung unterwegs war und auch sonst noch einige Leute vorbeikommen würden, würde es keinen Sinn machen, umzudrehen und uns selbst nochmal dem gefährlichen Auf- und Abstieg auszusetzen. Wir kletterten also mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch weiter nach unten. Auch Wanderer, die später diese Strecke entlang kamen, hatten nichts gesehen – vielleicht hatte einfach nur jemand einen schwachen Moment und hat beim Anblick des fiesen Abstiegs vor Wut gebrüllt.

Danach ging es auf der anderen Seite weiter nach oben, über Moriah. Frank war den ganzen Tag schon ganz aufgeregt gewesen, dass es tatsächlich einen Berg gibt, der fast genauso heißt wie im Herrn der Ringe. Ich wäre begeisterter gewesen, wenn dieser Berg etwas weniger steil und der Trail etwas einfacher gewesen wären. Dieser Abstieg war zwar nicht mit soviel Kletterei verbunden wie der davor, aber er ging ganz schön auf die Knie. Eigentlich wäre ich schon lange vor dem Abstieg bereit gewesen, an der nächsten Wasserstelle unser Zelt aufzustellen und dem Trail Trail sein zu lassen. Aber wir hatten nunmal den ganzen Tag schon mit dem Gedanken gespielt, dass wir – falls wir frühzeitig beim Shelter ankämen – noch heute in die Stadt gehen und dort morgen einen Zero haben könnten. Im Laufe des Tages verschob sich unsere Definition von „frühzeitig“ und als wir um kurz vor sieben beim Shelter ankamen, beschlossen wir, dass es sich immer noch lohnen würde, weiter nach Gorham zu gehen. Wir wären dort, bevor wir unser Zelt aufgestellt und eingerichtet hätten.

Die letzten zwei Meilen schafften wir dann tatsächlich in nur vierzig Minuten, der Weg war so schön einfach und flach wie versprochen. Als wir bei der White Mountains Lodge ankamen, träumte ich noch von einem schönen Zimmer für uns beide allein. Die Hoffnung wurde schnell zerschlagen, wir bekamen die letzten beiden Bunkbetten. Und aus Hygienegründen durften wir noch nicht mal unsere Rucksäcke mit uns Haus nehmen. Die mussten wir zusammen mit unseren schmutzigen Wanderklamotten unten in der Garage lassen. Dort bekamen wir frische Klamotten zur Verfügung gestellt. Normal begrüße ich ja derartige Hygienemaßnahmen und das Hostel hier ist nicht nur sauber sondern wirklich schön. Das Bad ist eines der schönsten, die ich auf dem ganzen Trail gesehen habe. Aber heute will ich eigentlich einfach nur noch meine Ruhe haben und nicht von meinen Sachen getrennt in irgendeinem Bunkroom mit jeder Menge anderer ausgelassener Hiker verbringen. Vielleicht kann ich das ja morgen mehr genießen, wir werden unseren Zero hier verbringen.

Es wird übrigens langsam Herbst, wir haben heute die ersten roten Ahornblätter am Boden gesehen. Und es ist bald geschafft, wir sind unter 300 Meilen, die uns noch bleiben und wir haben heute die 3000-Kilometer-Marke überschritten!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s