5millionenschritte

Appalachian Trail 2013 – so weit die Füße tragen

Gewitter über uns – Spaulding Mountain Lean-to nach Highway ME 27, Stratton (mi 1997,7)

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Obwohl wir gestern Abend so spät erst in Camp waren sind wir heute früh alle zusammen äußerst diszipliniert beim ersten Klingeln des Weckers um sechs aufgestanden. Wir wollten dem Regen ein Schnippchen schlagen und in der Stadt sein, bevor die Gewitter sich aufgebaut hatten.

Im Vergleich zu den drei Kurzzeit-Wanderern, die mit uns im Shelter übernachtet hatten, waren wir richtig gut – um viertel vor acht waren wir auf dem Trail und das mit Wasserpumpen mit Hindernissen. Die College-Kids jedoch schlugen uns um Längen, sie brauchten nur 45 Minuten vom Wecken bis zum Start. Dafür hatten sie wieder Orientierungsprobleme und heizten erstmal in die Richtung los, aus der sie gestern Abend gekommen waren. Irgendwann müssen sie dann doch den richtigen Weg gefunden haben, wir waren definitiv die ersten auf unserer Strecke und Yooper und ich fingen all die Spinnweben ein.

Big Red hatte den Weg für uns heute schön gerechnet: damit Yooper und ich aufhörten, über die vielen Meilen bis zur Stadt zu jammern, hatte er die angenehm aussehenden von den schwierig wirkenden Meilen getrennt. Wir hatten nach seiner Rechnung also nur ca. fünf fiese Meilen vor uns, die restlichen acht sollten das reinste Zuckerschlecken sein. Lustigerweise funktionierte dieser kleine psychologische Trick tatsächlich bei mir. Zumindest auf den fünf Meilen, bei denen nur zweieinhalb fiese dabei waren. Dann kam eine kleine Flussüberquerung auf einem wackeligen Brett, gefolgt von einem sanften Anstieg, mit dem ich schon zu kämpfen hatte und ich fragte mich plötzlich, ob ich überhaupt noch jemals wieder einen Berg hoch will. Da ich zunächst keine Antwort auf diese Frage hatte, marschierte ich brav weiter. Der härtere Teil des Anstiegs machte mich noch missmutiger, vor allem weil ich mich schon längst oben wähnte als wir gerade mal die Hälfte hinter uns gebracht hatten. Oben angekommen war ich aber wieder gut drauf und wollte sogar zu dem Ausblick abseits des Weges rennen, um dort die Mittagspause zu verbringen.

Aufgrund des Donners, den wir die ganze Zeit hörten und der dunklen Wolken, die sich auftürmten, hielt Frank mich aber davon ab und wir aßen nur fix jeder zwei Riegel. Vor uns lag noch der zweite Crocker Mountain und wir wollten dort so schnell wie möglich rüber, um endlich in die Stadt zu können. Wir hofften immer noch, dass wir es ohne Gewitter schaffen könnten. Die große Gewitterwolke schien auf der anderen Seite des Berges vorüberzuziehen. Dumm nur, dass das genau die Richtung war, in die wir mussten. Auf den zweiten Gipfel schafften wir es ohne nass zu werden.

Wir überlegten kurz, ob wir weiter sollten. Falls die Wolke zu uns kam, wollten wir lieber weiter unten sein. Es hörte sich auch so an, als sei das Gewitter schon fast vorbeigezogen. Und gerade vor uns lag die Straße zur Stadt. Also zogen wir die Regenhüllen über die Rucksäcke und stürzten uns nach vorne. Gleich danach bekamen wir die ersten Regentropfen ab. Wir zogen die Regenjacken an. Es regnete heftiger und die Tropfen fühlten sich ganz schön kalt an. Also zogen wir die Regenhosen über. Um uns herum donnerte es. Wir waren mittendrin. Einen Moment lang saßen wir in unseren Regenklamotten mit unseren Rucksäcken da und überlegten, was wir tun sollten. Das Gewitter bewegte sich kein Stück und schien genau über uns festzuhängen. Hier oben sitzenzubleiben war bestimmt nicht sicherer, als weiterzulaufen. Und beim Gehen konnten wir Ausschau nach einem Platz halten, an dem wir unser Zelt aufstellen und das Gewitter aussitzen konnten.

Wir liefen also weiter. Zum Glück waren die Felsen zwar nass aber überwiegend nicht rutschig und es waren auch nicht mehr diese riesigen Felsflächen wo man beim Rutschen so prima Geschwindigkeit aufnehmen kann. Nach etwa einer halben Stunde, in der es ununterbrochen stark geregnet hatte und um uns herum das Gewitter tobte, waren wir aus der Gewitterwolke rausgelaufen. Anstatt sich plötzlich bildender Bäche war der Trail nur noch leicht feucht und eine entgegen kommende Gruppe Jugendlicher war total trocken und wunderte sich über uns, die wir quatschnass in unseren Regenklamotten steckten. Wir stellten uns vor, wie Yooper und Big Red wahrscheinlich auf der anderen Seite des Berges im Trockenen das Ende des Gewittersturms abwarten und dann trocken runterkommen und uns auslachen würden.

Der Rest des Weges war überwiegend gut zu laufen und wir kamen ganz flott voran. Um halb fünf waren wir unten an der Straße. Wir hatten natürlich wieder kein Netz also übten wir uns im trampen. Es kamen fast nur LKWs vorbei, trotzdem klappte es relativ schnell. Eine Frau nahm uns mit. Sie nimmt seit drei Jahren immer Hiker mit. Ihr Sohn war auch ein begeisterter Wanderer, sie selbst hat seine Asche auf Katahdin hochgetragen. Wir haben ihr versprochen, ihn von ihr zu grüßen, wenn wir dort oben sind.

In der Stadt setzte sie uns vor dem Stratton Motel und Hostel ab. Yooper hatte dort für uns Zimmer reserviert gehabt. An der Tür zum Office hing jedoch eine Nachricht von ihr, dass wir gegenüber im White Wolf seien, weil es ein Missverständnis mit der Reservierung gegeben habe. Wir waren erstaunt darüber, dass die anderen beiden es vor uns in die Stadt geschafft hatten, da sie auf dem Trail eindeutig hinter uns gewesen waren, als wir sie das letzte Mal gesehen hatten. Als sie die ersten Ausläufer des Gewitters zu spüren bekamen, waren sie noch unten im Tal gewesen und bekamen Angst davor, den Berg hochzugehen. Also holte Big Red sein Smartphone raus und fand heraus, dass die nächste Waldstraße in vier Meilen zu der Straße führen würde, zu der wir eh wollten. Und dabei aber im Tal blieb. So waren sie ohne Gewitter, nur mit ein bisschen Regen, noch vor uns in die Stadt gekommen.

Wir waren alle völlig platt. Sobald Frank und ich geduscht und trockene Klamotten angezogen hatten, trafen wir die anderen zum Essen im Restaurant, das zum Hotel gehört. Die anderen meinten zwar, das Restaurant gegenüber sei besser, aber da es gerade wieder in Strömen regnete, war uns das egal. Wie immer bei schlechtem Wetter war die Stadt voller Hiker. Und – wie meistens, wenn es regnet – waren Trip und JD da. Die beiden hatten beschlossen, zu flip-floppen, da JD sich einen Ermüdungsbruch zugezogen hatte, weswegen sie sechs Wochen aussetzen mussten und es sonst zeitlich nicht mehr geschafft hätten bis auf Katahdin zu kommen. Wir ahnten schon, dass wir sie dieser Tage treffen würden und umso größer war natürlich unsere Begeisterung, dass es tatsächlich auch wieder schlechtes Wetter war, als wir sie trafen. Außerdem hofften wir auf gute Informationen zu der Strecke, die vor uns liegt. Da für morgen nämlich schon wieder Regen angesagt ist, wollen wir morgen nicht über die Bigelows gehen und müssen dementsprechend die nächsten Tage etwas mehr laufen, wenn wir es rechtzeitig bis zum zehnten auf Katahdin schaffen wollen. Sie meinten, das wäre gar kein Problem, sobald wir es über die Bigelows geschafft hätten. Von Handstand und Daddy Long Leg’s erfuhren wir, dass die Bigelows auch gar nicht mehr so wild sind, nach allem, was wir die letzten Tage hinter uns gebracht haben. Nach dem Abendessen fielen wir alle nur noch ins Bett, wir sind alle ganz schön ausgelaugt inzwischen.

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