5millionenschritte

Appalachian Trail 2013 – so weit die Füße tragen

Ende gut, alles gut – The Birches Lean-to nach Mount Katahdin, Baxter Peak (mi 2185,9)

Ein Kommentar

Ich hatte ja befürchtet, dass ich die ganze Nacht vor lauter Angst zu verschlafen gleich gar nicht schlafen könnte. Zum Glück konnte ich sehr gut schlafen bis heute früh um halb sechs der Wecker klingelte. Ursprünglich wollten wir noch früher aufstehen aber in Anbetracht der Tatsache, dass es inzwischen morgens noch sehr lange dunkel und kalt ist, beschlossen wir wenigstens die Morgendämmerung abzuwarten.

Ein besonderes Highlight war heute, dass wir im Zelt frühstücken konnten – jetzt ist es ja egal, ob es vollgebröselt ist und nach Essen riecht, so schnell werden wir nicht mehr in Bärenland zelten. So konnten wir noch ein bisschen länger im Warmen verbleiben bevor es ein letztes Mal ans Sachen packen und Zelt abbauen ging. Obwohl wir dieselben Arbeiten wie jeden Morgen in den letzten sechs Monaten zu erledigen hatten, fühlte es sich irgendwie anders an. Alle waren ziemlich aufgeregt und Little Engine und Timber versuchten die Stimmung mit der Kamera für ihren Videoblog einzufangen.

Dann ging es auch schon los. Statt unserer eigenen Rucksäcke wollten wir Katahdin mit kleinen Tagesrucksäcken von der Ranger-Station besteigen, die wir schon gestern Abend mitgenommen hatten. Unsere eigenen Rucksäcke brachten wir deshalb zur Ranger-Station um sie dort zwischenzulagern bis wir wieder unten waren. Bei der Gelegenheit wollten wir auch gleich noch schauen, ob sich die Wettervorhersage vielleicht geändert hätte. Leider hatte es bei der Übertragung heute morgen Probleme gegeben, so dass noch die alte Vorhersage von gestern galt: 60% Regenwahrscheinlichkeit für den Vormittag. Wir ließen uns nicht entmutigen und zogen trotzdem los.

Um viertel nach sieben trugen wir uns in das Register am Hunt-Trail für die Besteigung von Katahdin ein. Endlich ging es los, wir beide starteten gemeinsam mit Geoffrey, der beschlossen hatte, sich uns anzuschließen, weil wir langsamer sind als Little Engine und Timber und er hoffte, eher mit uns mithalten zu können. Die ersten 1,2 Meilen gelang ihm das auch ganz gut, das Terrain war schön flach und der Weg leicht zu gehen. Sobald es aber steiler wurde, merkte man doch, dass wir schon etwas länger trainiert hatten – er war zwar nicht langsamer als wir, aber er musste öfter anhalten, weil er außer Atem war, so dass er zurückblieb noch bevor die große Kraxelei losging, von der uns die anderen gestern erzählt hatten.

Am Anfang hatte ich noch meine Stecken draußen, wie bisher fast immer auf dem Trail auch. Bald merkte ich jedoch, dass diese mich heute eher behinderten als hilfreich waren, also packte ich sie weg. Das Klettern war echt hart, an der einen Stelle, als die erste Krampe auftauchte und in Kopfhöhe über mir ragte – darunter nichts zum drauftreten –  war ich schon kurz davor, zu verzweifeln. Mein geduldiger Frank bekam mich dann doch irgendwie über diese und auch die weiteren, allerdings weniger schwierigen, Stellen.

Little Engine, Timber und Ambassador hatten uns noch vor den Krampen überholt. Da wir oberhalb der Baumgrenze unterwegs waren, konnten wir sie die fast ganze Zeit über uns beobachten. Das Gekraxel endete mit dem Gateway, wo die Tablelands begannen. Hier wurde der Weg fast flach und wir kamen wieder flott voran. Um den Trail herum und sah es aus wie eine rosa-felsige Mondlandschaft, wir bewegten uns knapp unterhalb der Wolkendecke, aber es regnete nicht und wir hatten sogar eine großartige Aussicht auf die Gegend um uns herum, mit ihren Seen und den sich rötenden Blättern. Plötzlich hörten wir einen lauten Schrei über uns, der sich fast wie Siegesgeheule anhörte – aber so wie es für uns aussah, waren Little Engine, Timber und Ambassador noch weit vom Gipfel entfernt, auf dem ersten Buckel davor. Vielleicht schrien sie ja auch nur, weil sie uns erblickt hatten und uns grüßen wollten? Aber warum blieben sie so kurz vor dem Ziel stehen und trödelten da so lange rum?

Naja, egal, wir mussten ja auch selber weiterkommen. Als wir kurz vor diesem Buckel waren, auf dem immer noch die anderen drei waren, konnten wir das Schild sehen – das berühmte Schild, auf dem sich jeder Thru-Hiker am Ende ablichten lässt. Jetzt gab es kein Halten mehr, wir stürmten nur noch auf das Schild zu. Auch wenn wir immer noch überzeugt waren, dass der Gipfel erst dahinter war. Beim Schild angekommen sahen wir dann, dass dies doch tatsächlich der höchste Punkt des Berges war. Nachdem wir angeschlagen hatten, gab es eine große Fotosession – so richtig begreifen, dass wir jetzt am Ende des Weges waren, konnten wir es wohl noch nicht.

Nach den Gipfelfotos wollte ich eigentlich gleich wieder runterrennen, ich hätte fast vergessen, dass wir noch unsere Steine, die wir den ganzen Weg mitgeschleppt hatten, hier ablegen wollten. Und dabei hatte ich sie doch extra schon gestern Abend in meine Hosentasche gepackt. Den Stein, den ich wie die Tradition es will von Springer mitgenommen hatte, und die zwei Glückssteine der Großmütter. Frank dachte aber daran und mit viel Eifer platzierte ich meine Steine an wohlgewählten Ecken auf dem Stapel. Endlich lag auch der letzte der drei Steine, da nahm Frank mich zur Seite mit den Worten „Ich habe noch einen vierten Stein getragen.“ Verwirrt fragte ich mich, ob ich jetzt auch noch einen Stein hätte tragen müssen. Vielleicht noch einen für daheim, zum Mitnehmen? Noch bevor ich etwas Dummes sagen konnte, fiel er vor mir auf die Knie. Er nahm meine Hand in seine, in seiner anderen Hand hielt er einen Ring. Ich kann nicht sagen, ob er danach noch etwas gesagt hat, er ist sich auch nicht mehr sicher. Auf jeden Fall hab ich wohl erst Mal eine Weile nichts gesagt, bis er mich irgendwann fragend anblickte und ich wusste, dass ich jetzt „Ja“ sagen durfte.

Der Ring passte perfekt und ich schwebte auf einer rosa Wolke mit einem breiten Grinsen im Gesicht den Berg hinab. Selbst die schwierigen Stellen beim Klettern fielen mir jetzt deutlich leichter und die, die beim Heraufkommen am schwierigsten gewesen waren, konnten wir durch andere Wege umgehen. Auf halbem Weg nach unten kamen uns die drei Tageswanderer entgegen, die gleichzeitig mit uns gestartet waren. Inzwischen war es halb eins und sie würden es wohl nicht mehr vor eins auf den Gipfel schaffen, was gefährlich ist, weil nach eins dort oft Gewitter sind. Sie wollten aber auch nicht umdrehen, also riet Frank ihnen, für den Abstieg statt des Hunt Trails wenigstens den weniger schwierigen Abol Trail zu nehmen. Kaum waren wir unter der Baumgrenze fing es an zu tröpfeln. Das war aber gar nicht schlimm, wir wurden kaum nass und selbst wenn wir nass geworden wären, wäre es heute das letzte Mal gewesen und wir hätten danach in der Stadt trocknen können.

Wie alle anderen gestern gesagt hatten, war der Abstieg viel einfacher als der Aufstieg. Noch bevor wir zurück beim Campingplatz waren, hatten uns Little Engine, Timber und Ambassador zusammen mit Geoffrey wieder eingeholt. Alle zusammen holten wir uns Bier, das zwei freundliche Tageswanderer in ihrem Shelter für uns zurückgelassen hatten. Gemeinsam warteten wir dann vor der Ranger-Station auf unseren Shuttle zum Hostel in Millinocket. An der Ranger-Station trafen wir noch Strawberry Donut und Whistler, sie wollen morgen auf Katahdin hoch. Wie für uns heute ist die Wettervorhersage für morgen nicht so gut und bis jetzt sieht es so aus, als seien sie morgen alleine.

Im Hostel wurden wir von Handstand, Why Not?! und B-Line begrüßt. Handstand wollte lieber noch einen Tag in Millinocket mit uns und anderen Wanderern verbringen als alleine in Bangor am Flughafen zu sitzen. Why Not?! und B-Line wollen erst am 13. auf Katahdin und müssen jetzt warten, weil sie sonst zu schnell wären. Nach dem Duschen ging es für Frank, Little Engine, Timber, Ambassador und mich zum Abendessen, es gab zur Feier des Tages Hummer und Steak. Katahdin war ein würdiger Abschluss für diesen Trail, dieses Essen ist der krönende Abschluss.

Ein Kommentar zu “Ende gut, alles gut – The Birches Lean-to nach Mount Katahdin, Baxter Peak (mi 2185,9)

  1. Wow, das ist ja mal ein Happy End, das hätte Hollywood nicht schöner hinbekommen. Alles Gute für Eure gemeinsame Zufunft.
    LG René

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