5millionenschritte

Appalachian Trail 2013 – so weit die Füße tragen

Der Weg zurück

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Vor gut zwei Monaten standen wir nach 176 Tagen Wanderung endlich auf Mount Katahdin. Irgendwie war es kein besonders erhebendes Gefühl vor dem Schild dort oben zu stehen. Es fühlte sich eigentlich wie ein ganz normaler Tag auf dem Trail an. Ich wusste zwar, dass wir irrsinnige 3.500 Kilometer gelaufen sind aber in meinem Kopf war diese Strecke noch nicht so ganz angekommen. Von außen gesehen mag es ein langer Weg gewesen sein, für uns waren es aber „nur“ viele kleine Etappen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich realisiert habe, was wir da geschafft haben.

Es fehlte auch die Ruhe, darüber nachzudenken. Zurück in Deutschland sind wir gleich die ersten zwei Wochen quer durch die Republik gereist um unsere Familien wiederzusehen, unsere Wohnung wieder einzurichten und um Behördengänge zu erledigen. Am 1. Oktober ging es für mich dann zurück ins Büro und direkt am zweiten Tag auf Dienstreise nach Amsterdam. Erst so nach und nach kam das Bewusstsein, dass da ein großartiges Abenteuer hinter uns liegt und wir wirklich, wider alle Wahrscheinlichkeit, bis zum Ende durchgehalten haben. Dabei halfen auch die vielen Fragen, die uns immer wieder gestellt wurden. Was für uns ganz normaler Alltag auf dem Trail war, war für die Daheimgebliebenen fürchterlich interessant und ich wurde sogar von wildfremden Kollegen zu unserem Erfolg beglückwünscht.

Mittlerweile sind wir fast vollständig wieder in der Zivilisation und im Alltag angekommen. Es ist wirklich angenehm, sich keine Gedanken über das Wetter mehr machen zu müssen, gerade hier in Hamburg! Wenn man mal nass wird ist man schnell wieder im Trockenen und wechselt halt die Sachen. Wenn es kalt ist dreht man die Heizung auf. Nudeln essen wir nur noch, weil wir es wollen und nicht weil wir keine Alternative haben. Von der Möglichkeit regelmäßig zu duschen ganz zu schweigen. Es ist wirklich ein angenehmeres Leben. ABER…

Im August, als wir das Ziel schon vor Augen hatten, habe ich, wie viele andere um uns herum, gesagt: „Nie wieder!!!“ So großartig dieses Abenteuer auch war, mich würden keine zehn Pferde auf einen weiteren, so langen Trail bekommen! Das ist nun zweieinhalb Monate her… Jedes Mal, wenn ich mir Fotos ansehe, Journaleinträge lese oder auf Facebook die Vorfreude und Aufregung der nächstjährigen Thru-Hiker-Aspiranten sehe, bekomme ich Heimweh. Ich weiß, dass man mit der Zeit all die harten Tage verdrängt, die Kälte, die Hitze, den Regen und die geschundenen Füße, aber ich vermisse den Trail trotzdem. Die Schönheit der Wälder, die Freiheit jeden Tag entscheiden zu können, was man macht, den bedingungslosen Zusammenhalt unter Weitwanderern und die Freundlichkeit der Menschen am Trail. Vor allem die Freiheit und Einfachheit des Lebens dort draußen gehen mir ab. Shweasle meinte schon Ende September, dass es auf dem Trail viel leichter war. Man musste nur sehr wenige Entscheidungen treffen: wo laufen wir heute hin, was essen wir und wann müssen wir wieder in eine Stadt. Das „normale“ Leben ist so viel komplizierter!

Hat mich der Trail verändert? Ja und Nein. Ja, ich habe gelernt, zu was ich physisch in der Lage bin und zu was nicht. Am Anfang noch als „Purist“ unterwegs, musste ich während der Hitzewelle akzeptieren, dass es ohne Slackpacking wohl für mich nicht möglich ist, es zu schaffen. Vielleicht bin ich auch ein wenig flexibler geworden, was Pläne angeht. Aber das war es dann, denke ich, auch. Die berühmte Selbstfindung, die in so vielen Büchern beschrieben ist, gab es bei mir nicht. In irgendeinem Shelter mitten in Maine stand ein schöner Satz an der Wand:

The trail does not teach you who you are. It can just teach you to accept who you are!
(Der Trail bringt dir nicht bei wer du bist. Er kann dich nur lehren, zu akzeptieren wer du bist!)

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