5millionenschritte

Appalachian Trail 2013 – so weit die Füße tragen

Zurück ins wirkliche Leben!

Ein Kommentar

In den letzten Tagen und Wochen mehren sich die Diskussionen unter den Thru-Hikern übers Zurückkommen nach dem Trail. Wie ist es denn nun so, vom Trail wieder zurück im „richtigen“ Leben zu sein? Und wieso bewegt diese Frage alle?

Direkt nach unserer Wanderung hatten wir uns nur wenig Gedanken darüber gemacht, ob sich was geändert hat und ob es schwierig wäre, zurückzukommen. Zunächst einmal ging es darum, wieder zivilisationsfähig zu werden und vor allem auch ortsmäßig zurückzukommen. Die ersten Tage verbrachten wir also damit, dem Thru-Hiker in uns zumindest äußerlich zu entkommen und wieder nach Hause zu kommen. Dabei war es trotz der großen räumlichen Distanz tatsächlich das geringere Problem, unsere Heimreise von Millinocket über Bangor und New York nach Frankfurt am Main, Frankfurt (Oder) und schlussendlich Hamburg zu organisieren. Auch der anschließende Besuch bei meiner Verwandtschaft in München war kein Problem. Vor größere Herausforderungen stellte uns, uns die gesellschaftlich erforderlichen Hygienemaßnahmen wieder anzutrainieren, wie zum Beispiel wieder regelmäßig zu duschen und nicht damit zu warten, bis es sich so richtig lohnte, und uns die konsequente Verwendung von Deo wieder anzugewöhnen. Ein besonders schwieriger Moment für mich war der berufsmäßig erforderliche Verlust von Franks Gesichtsbehaarung. Nicht, dass ich nicht mindestens einmal pro Woche auf dem Trail dieses dort oft nicht sehr wohlriechende Gestrüpp verflucht hätte, aber ich war den Anblick von Frank ohne Bart schlichtweg nicht mehr gewohnt und außerdem wurde mir durch die Rasur nochmal schmerzlich bewusst, dass der Trail jetzt wirklich vorbei war.

Es ist schon seltsam, man kommt zurück und denkt erst mal, man ist derselbe Mensch und außer der Tatsache, dass man nun ein paar tausend Kilometer mehr auf dem Buckel hat, hat sich nichts geändert. Die Stadt und die Wohnung sehen schließlich auch noch so aus wie vorher, nichts hat sich verändert. Und dann blickt man in seinen Kleiderschrank und wundert sich, wer all diese Sachen gekauft hat, die kein Mensch jemals auf seinem Rücken über den Trail tragen und vor allem auch brauchen könnte. Plötzlich stellt man fest, dass man einen Schrank voller Klamotten hat, und trotzdem nicht weiß, was man anziehen soll und einem wird klar, dass sich wohl doch was geändert hat in den letzten sechs Monaten. Auf dem Trail war das so einfach: hatten wir gerade Klamotten gewaschen, zog ich ein frisches Shirt und meine Hose an, je nach Temperatur noch ein paar Lagen dazu. Hier muss ich mir Gedanken über den Anlass, die Jahreszeit, farbliche Kombinationen, Mode usw. machen. Und falls ich mich zu kalt oder zu warm angezogen habe, lässt sich das nicht so einfach wie auf dem Trail mit einem Griff in den Rucksack. Es ist nicht so, dass ich es nicht genießen würde, endlich wieder so richtig als Frau gekleidet zu sein und die dazu passende Aufmerksamkeit zu genießen (als Thru-Hikerin kriegt man auch Aufmerksamkeit aber die Blicke sind dann doch deutlich anders). Ich liebe immer noch schöne Klamotten und schicke Schuhe. Aber trotzdem befällt mich dann und wann der Gedanke, wie nutzlos all diese schönen Dinge doch auf dem Trail wären und mir ist bewusst, dass ich das eigentlich alles gar nicht brauche.

Das Übermaß an notwendigen Gegenständen ist nicht der einzige drastische Unterschied zum Trailleben. Auch der Umgang der Menschen miteinander und das unterschiedliche Wertesystem hier machen vielen Wanderern die Rückkehr vom Trail ins richtige Leben schwer. Auf dem Trail spielt dein bisheriges Leben keine Rolle. Irgendwann sehen alle ziemlich abgerissen aus und nach ein paar Tagen draußen riechen auch alle gleich. Alle haben mit den gleichen Problemen zu kämpfen, ob das nun Eiseskälte, Dauerregen, Gluthitze, Mückenplage, fieses Gelände oder sonstige Launen der Natur sind, das verbindet. Wenn man sich nicht total daneben benimmt, wird man also freundlich integriert und auch von völlig fremden Thru-Hikern wie ein Freund behandelt. Im wirklichen Leben spielt es eine viel größere Rolle, ob man ärmer oder reicher ist und was für eine Ausbildung und einen sonstigen sozialen und beruflichen Hintergrund man hat, auf dem Trail ist das völlig egal. Unter all diesen neuen Bekanntschaften zählt nur, wie man sich auf dem Trail verhält und es ergibt sich so gewissermaßen die Chance zu einem gesellschaftlichen Neuanfang – wenn auch nur in der kleinen Gesellschaft der Thru-Hiker. Uns geht es gut im normalen Leben, aber manche haben da weniger Glück, ihnen fehlt der Trail noch viel mehr. Allerdings muss ich zugeben, dass ich hoffe, dass ich zumindest ein wenig von der großartigen, warmherzigen Atmosphäre, die auf dem Trail geherrscht hat, mit in mein normales Leben hinübernehmen, mir bewahren und davon auch etwas weitergeben kann.

Dazu kommt, dass die meisten auf dem Trail mehr als einmal an ihre physischen oder psychischen Grenzen gestoßen sind und diese überwinden mussten, um den Thru-Hike zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Diese Leistung in Kombination mit dem völlig anderen Wertesystem auf dem Trail und der knallharten Reduzierung auf das Wesentliche, die uns über sechs Monate begleitet hat, kann zu einem völlig veränderten Blick auf das bisherige Leben führen. Zum einen traut man sich jetzt vielleicht mehr zu nachdem man so viele Hindernisse überwunden und Dinge getan hat, die man sich nie zugetraut hätte, und strebt deshalb nach neuen Zielen. Zum anderen stellen viele plötzlich fest, dass sie sich beruflich oder privat neu orientieren wollen, da sie den verschiedenen Aspekten ihres Lebens nun eine andere Gewichtung geben und beispielsweise mehr Spaß im Beruf haben oder mehr Zeit mit Familie und Freunden verbringen wollen.

Auch wenn der Thru-Hiker den Trail verlassen hat, der Trail verlässt den Thru-Hiker nicht mehr. – Hoffentlich!

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Ein Kommentar zu “Zurück ins wirkliche Leben!

  1. Danke Euch beiden für die Berichte.

    Denke es ist nicht einfach loszulassen, glaube auch den Virus A.T wird auch nie weg sein, egal wo man ist und in welcher Situation. Es ist DIE Erfahrung schlecht hin ob man es dann nochmal machen würde oder nicht …die Eindrücke, Begegnungen und die Erfahrung kann Euch niemand mehr nehmen und die tragt Ihr jetzt im Herzen mit. Ich Gratuliere Euch beiden für den ganzen Blog, Hintergrund Informationen, einfach für alles es „merci“ .. ich lese weiterhin gespannt Euer Blog.

    Mich kribbelt es zieht mich …will endlich loslaufen….

    Michael

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