5millionenschritte

Appalachian Trail 2013 – so weit die Füße tragen

Blutsauger auf dem West Highland Highway – Drymen nach Rowardennan (mi 26,9)

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Nach der guten Nacht in unserem warmen, gemütlichen Bett war Frank heute Morgen mutig genug, sich an das schottische Frühstück mit Haggis, Blutpudding und Kartoffel-Scone zu wagen.

Das Kartoffel-Scone war ein fettiger, labberiger Kartoffelpuffer, auf dem das Haggis als Scheibe angerichtet war. Das Haggis war außen knusprig und erstaunlich genießbar. Der Blutpudding schmeckte ein bisschen wie schwarzer Presssack, allerdings auch knusprig gebraten und mit etwas wenig Gewürz. Ich war froh, dass ich mich wieder für Porridge entschieden hatte. Ist zwar nicht ganz so lecker wie Oatmeal in den USA, aber macht schön warm im Bauch und hält gut satt. 

Nach dem Frühstück ging es über die Landstraße zurück zum Trail. Obwohl ich die Kilometer von gestern bei jedem Schritt in den Knochen spürte, kam mir der Weg zurück zum Trail viel kürzer vor als gestern in den Ort. Es war zwar kühl, aber sonnig und nach dem ersten Anstieg konnten wir die Fleecepullis ausziehen. Mit der ersten Pause holten wir die beiden Johns beim ersten freien Blick auf Loch Lomond ein. Die Wiedersehensfreude beiderseits war groß und wir verbrachten die Pause fröhlich quatschend und über die schiere Anzahl der an uns vorbeiziehenden Wanderer staunend. Als unser Pausenplatz von einer Truppe von mindestens 15 Rentnern auf einmal passiert wurde, taufte Frank den Trail in „West Highland Highway“ um. 

Von da an mussten wir kaum noch auf die Markierung achten – in der Regel konnten wir anhand der wie Perlen auf einer Schnur aufgereihten bunten Rucksäcke ganz gut erkennen, wohin der Weg uns in nächster Zeit führen würde. Bald hatten wir die Grenze von den Lowlands zu den Highlands passiert und befanden uns mitten auf dem Conic Hill. Dieser Anstieg hatte mir beim Blick ins Profil ziemlichen Respekt eingeflößt – in unserem AT-Guide hätte eine derartige Steigung mit ziemlicher Sicherheit eine Kletterpartie bedeutet. Hier allerdings war der untere Teil eine ziemlich steile, aber durchaus machbare Treppe und danach ging es eigentlich ganz entspannt für uns den Berg hoch. So entspannt sogar, dass wir zu unserem großen Erstaunen die anderen Wanderer ziemlich locker überholten! Plötzlich fiel uns auf, dass wir zu den schnellen Wanderern hier gehören! Das ist mal ein wirklich ungewohntes, aber willkommenes Gefühl. 

Kurz bevor es wieder abwärts gehen sollte, kam die Abzweigung zum Gipfel. Dort trafen wir eine Truppe Deutscher, denen wir gestern schon über den Weg gelaufen waren. Nachdem sie ausgiebig Franks Kilt und unsere kleinen Rucksäcke sowie unsere AT-Erfahrung bewundert hatten, waren sie so nett, und etwas von ihrem Brennspiritus abzugeben, so dass wir zumindest heute Abend kochen können würden. Danach ging es für uns erst mal auf den Gipfel, der Ausblick von dort oben war wirklich umwerfend: man könnte über den gesamten südlichen und einiges vom nördlichen Teil von Loch Lomond sehen!

Nach einer wohlverdienten Pause auf dem Gipfel ging es runter nach Balmaha, wo wir im Pub Mittag essen wollten. Dort trafen wir die Deutschen wieder. Frank konnte im Shop neben dem Pub eine Flasche mit Brennspiritus erstehen und wir beide bekamen lecker Essen und konnten unsere Flüssigkeitsreserven auffüllen. Als wir fertig mit Essen waren kamen endlich auch unsere beiden Johns an. Ohne Stöcke war der Conic Hill eine ziemliche Quälerei für die beiden gewesen und die Anstrengung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Trotzdem war die Freude groß und wir waren schnell wieder am Quatschen. Diesmal verstanden wir die beiden auch richtig gut – so langsam scheinen wir uns an ihren Akzent zu gewöhnen. Sie waren nicht mehr so entschlossen, dieselbe Etappe wie wir zu machen und dachten darüber nach, den Tag früher zu beenden oder die Fähre zu nehmen. 

Also ging es für uns alleine weiter in Richtung Rowardennan. An der Rangerstation am Wegrand mussten wir feststellen, dass man wohl doch nicht hinter der Jugendherberge zelten kann, so wie wir es geplant hatten. Wir konnten entweder in Sallochy gut 5 km vorher oder ca. 2 km weiter nördlich als vorgesehen unser Zelt aufschlagen. Als wir um 16h am Campingplatz in Sallochy waren, beschlossen wir, weiterzugehen. 

Ein bisschen war dieser Beschluss sicher auch beeinflusst von diesen fiesen kleinen schwarzen Biestern, die sich auf uns stürzten, wann immer wir kurz anhielten. Die erste Begegnung mit ihnen hatten wir heute in unserer ersten Pause und abgesehen vom Gipfel und von der Mittagspause waren sie unsere ständigen Begleiter. Beim Mittagessen stellten wir auf Hinweis des bartlosen Johns hin fest, dass die Bisse von diesen fiesen Viechern kleine rote Punkte auf der Haut hinterlassen. Er sah aus, als hätte er Windpocken an den Armen! Und kaum hatte er uns seine Stiche gezeigt, mussten wir zu unserem Entsetzen feststellen, dass wir auch vereinzelt rot getüpfelt waren – juhu! Später lernten wir dann, dass diese winzigen Blutsauger „Midges“ heißen und anscheinend eine schottische Rarität sind. Zum Glück ist die Saison schon vorbei, ansonsten ist es hier wahrscheinlich unerträglich!

Solchermaßen „beflügelt“ kamen wir recht flott voran, ich hatte vor allem zum Schluss hin wieder mein Regentempo drauf, um den Biestern zu entgehen. Als allerdings in Rowerdennan als wir dort um kurz nach 17h ankamen noch ein Zimmer frei war, waren wir verkauft. Auch heute schlafen wir anders als geplant wieder im Hotel. Dafür gab es auch lecker Pub-Essen und Sonnenuntergang überm See. Frank hat festgestellt, dass er sich verrechnet hatte, und wir das mitgeschleppte und heute gesparte Abendessen wohl morgen brauchen werden – so haben wir eine prima Ausrede, warum wir heute doch besser hier geblieben sind. Aber morgen schlafen wir im Zelt!

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